Da diese Frage immer wieder kommt und auch viele (falsche) Geschichtsmythen darüber existieren, hier eine kleine und unvollständige Aufstellung von Fakten dazu.

Diese Frage ist natürlich nicht pauschal beantwortbar. Denn Deutsche sind aus den unterschiedlichsten Motiven heraus vom 8. bis zum 20. Jht. in die böhmischen Länder eingewandert und tun das seit 1989 wieder - wie auch umgekehrt Tschechen in das deutschsprachige Umland kamen und kommen.
(Es gibt sogar eine Theorie, wonach Reste der Germanenstämme der Markomannen und Quaden, die zur Römerzeit in den böhmischen Ländern gesiedelt haben, in den Grenzgebirgen überlebt haben und dann mit den eingewanderten Deutschen ab dem 8. Jht. verschmolzen sind. Mangels Quellen kann man das nicht beweisen, das Gegenteil auch nicht.)

D.h. diese Einwanderung war regional und zeitlich sehr unterschiedlich.

Es gibt aber einige Fakten, die für alle Zeiten und Regionen gelten:

 

1. Diese Einwanderung war zum größten Teil geplant, kein unkontrolliertes Einströmen fremden Volks.

 

2. Die Einwanderer wurden von den jeweiligen böhmischen bzw. mährischen und schlesischen Machthabern eingeladen - ins Land gerufen, waren also willkommen. Das gilt für die Premysliden-Herzöge und - Könige des Mittelalters ebenso wie für die Luxemburger-Kaiser, die ihnen gefolgt sind
und die Habsburger ab 1526.
Es gilt aber auch für den grundbesitzenden Adel und die Stifte und Klöster - sie alle brauchten Menschen als Arbeitskräfte, Steuerzahler, Soldaten usw.
Welche Sprache diese verwendeten, war gleichgültig.

 

3. Die Einwanderung war also geplant, gewollt und praktisch immer friedlich.
D.h. die einwandernden Deutschen haben, allenfalls vorhandene Vorbevölkerung nicht verdrängt oder eingeschränkt, sondern teilweise entvölkerte Ortschaften "aufgefüllt" und viele Dörfer völlig neu gegründet. Je nach der Zahl der Sprecher hat sich meist binnen drei Generationen eine der Sprachen im
ganzen Ort durchgesetzt, mal Tschechisch, mal Deutsch - und so sind allmählich Sprachgrenzen entstanden, die nach den großen Katastrophen, bzw. der Neubesiedlung danach, oft sehr verändert waren. So breitete sich das deutsche Sprachgebiet in West- und Südböhmen nach der Überwindung des
30jährigen Krieges (2. Hälfte des 17. Jht.) deutlich aus (die Stadt Saaz wurde beispielsweise deutschsprachg), während es in Mähren deutlich zurückging. Damals erst entstanden die Sprachinseln von Brünn, Olmütz, Iglau, Wischau und Konitz - davor waren diese Regionen Teil des zusammenhängenden deutschen Sprachgebiets.

Wenn man eine Karte des deutschen Sprachgebiets vor 1945 und eine physische Karte übereinanderlegt, sieht man, daß sich das deutsche Sprachgebiet in den böhmischen Ländern praktisch mit den Grenzgebirgen deckt.
Böhmerwald, Erzgebirge, Riesengebirge, Adlergebirge, Altvatergebirge, Gesenke und Böhmisch-Mährische Höhe waren im wesentlichen deutschsprachig.
Das fruchtbarere Ackerland im Inneren Böhmens und in der Hanna blieb immer tschechischsprachig. Daraus kann man schließen, daß in den Grenzgebirgen wenig bis gar keine tschechische Vorbevölkerung vorhanden war, die deutschen Ansiedler also in der Mehrheit waren und sich ihre Sprache durchsetzte. Im Binnenland dagegen blieben die deutschen Ansiedler in der Minderheit und wechselten bald zur tschechischen Sprache der Ansässigen.


Die einzigen mir bekannten Ausnahmen von dieser Regel ist der deutschsprachige Teil Südmährens, der großteils auf eine Südverschiebung der mährisch-österreichischen Grenze im Spätmittelalter zurückzuführen ist und der kleine Gebietsstreifen des nordböhmischen Niederlands.
Das Egerland war ja bis 1806 kein Teil Böhmens und hat eine ganz eigene Geschichte.


Die einzige nennenswerte deutsche Sprachinsel Böhmens, die von Budweis, war eine geplante Gründung von König Premysl Ottokar II. gegen das mächtige (ebenfalls tschechische) Adelsgeschlecht der Rosenberger weiter südlich, deren "Rosenwappen" noch heute in der Region sehr präsent sind.

Die einzige mir bekannte Ausnahme von dieser friedlichen Einwanderung war die der Nazizeit (1939-1945), wo mancherorts einheimische Tschechen von den Nazi-Behörden gewaltsam verdrängt wurden und durch deutsche Neusiedler ersetzt.
Beispiel: Die (ihrerseits verdrängten) deutschen - und ladinischen Südtiroler, von denen viele rund um Budweis in tschechischen Dörfern angesiedelt worden sind.

 

4. In den Dörfern verlief das Zusammenleben von Altansässigen und Neusiedlern (Kolonisten) meist völlig problemlos. Die Ansässigen waren meist sogar froh, daß neue Bauern kamen, denn der tägliche Kampf gegen die Natur, wilde Tiere, Räuberbanden usw. war natürlich einfacher, wenn mehr
Dorfbewohner vorhanden waren. Und die Dörfler hielten nach außen immer fest zusammen. Es war auch für alle von Vorteil, wenn brachliegende Äcker wieder bestellt wurden, denn so wurde die Verbuschung verhindert, das "Unkraut" konnte sich nicht so leicht ausbreiten, Wege wurden wieder gepflegt, Bäche
zugedämmt, Hänge befestigt usw.

Und es war von Vorteil, wenn wieder ein (zugewanderter) Schuster, Schneider, Weber, Tischler, Schmied usw. im Ort gelebt hat, denn damit ersparte man sich (oft gefahrvolle) Wege.

 

5. In den Städten verlief das Zusammenleben oft weniger friedlich, der 1. Prager Fenstersturz soll hier als Beispiel dienen. Hier herrschte oft Konkurrenzdruck und Minderheiten wurden oft als Belastung empfunden.

 

6. Die deutschen Einwanderer waren sehr inhomogen.
- Neben der großen Zahl an Bauern,
- waren es viele Handwerker, die sich teils in Städte und Märkten, teils aber auch in den Dörfern niederließen.
- Viele Orte wurden durch deutsche Bergleute gegründet, Iglau sei hier als Beispiel genannt.
- Viele Orte wurden durch auch deutsche Waldarbeiter gegründet, die die noch wilden Urwälder zu bewirtschaften begannen. Hier kamen viele aus der Alpenregion (Steiermark, Tirol, Salzburg, Oberösterreich, Schweiz usw.).
- Dann wären die Beamten zu nennen, die einwanderten, um für den Staat, das Kronland, eine Kreis/Bezirksbehörde, eine Stadt/Gemeinde, eine Grundherrschaft, die Bergwerks- oder Fiskalverwaltung (z. B. die Taback- und Siegel-Gefällverwaltung) zu arbeiten.
- Es kamen Kaufleute, Händler und Hausierer.
- Wanderburschen blieben auf ihrer Walz irgendwo hängen und siedelten sich an.
- Ebenso ehemalige Soldaten aller durchziehenden Armeen. Sogar Schweden, Franzosen usw. blieben in Böhmen und siedelten sich an.
- Und ab der Mitte des 19. Jht. kamen Eisenbahner usw.
- Und auch deutschsprachige Adeligen mit ihren Bediensteten waren eine wichtige Gruppe.

D.h. auch da muß man immer auch sozial differenzieren.

 

7. Die Motive für die Einwanderung sind genau dieselben, wie bei heutiger Migration. Die Suche nach einem besseren Leben, nach Zukunftsperspektiven.
Und damals wie heute sind Viele unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ausgewandert und in der neuen Heimat einer unerwarteten Realität gegenübergestanden. Ich habe dazu eine kleine Betrachtung
verfaßt: 
http://www.guenter-ofner.at/index.php/miscellen/betrachtungen/53-die-mechanismen-der-migration

 

8. Es gab permanent deutsche Einwanderung (und natürlich auch tschechische Auswanderung).
Aber es gab auch große Einwanderungsschübe.
Hier die wichtigsten:

a) Die Deutsche Ostsiedlung
Vom 11. bis 14. Jht. wurden die, davor weitgehend unerschlossenen und menschenarmen, Grenzgebirge erstmals dichter besiedelt, Bauern, Bergleute, Holzarbeiter drangen allmählich in die Urwälder vor

b) Der Mongolensturm
1240 fiel ein mongolisches Vielvölkerheer über Polen nach Schlesien und Mähren ein, brandschatze und plünderte alle Orte, die auf seinem Weg lagen, erschlug oder versklavte alle Menschen, die nicht rechtzeitig geflohen waren und hinterließ "tote Erde" in weiten Teilen Schlesiens und Mährens. Diese
Regionen wurden in der Folge vor allem durch aus Deutschland gerufene Siedler neu bevölkert - Bischof Bruno von Olmütz ist sicher vielen Mähren-Forschern ein Begriff.

c) Der Schwarze Tod
1349/50 erreichte die erste große mittelalterliche Pestwelle - "der Schwarze Tod" - die böhmischen Länder und forderte im Süden und in den mittleren Landesteilen entsetzliche Opferzahlen (30 - 50% der Bevölkerung).
Der Norden Böhmens und Mährens blieb ebenso wie Schlesien, Sachsen, Brandenburg und Zentralpolen weitgehend verschont - warum ist unverändert unklar.
Aus diesen Gebieten setzte daraufhin eine Südwärtswanderung ein, womit auch viele Deutsche neu ins Land kamen.

d) Die Hussitenkrieg
Nach den Wirren der Hussitenkriege (1415-1434) waren weite Teile der Grenzgebiete Böhmens verwüstet und menschenleer. Deutsche Siedler aus Oberösterreich, Bayern, der Oberpfalz und Sachsen wanderten ein.

e) Der 30jährige Krieg
Nach den Katastrophe des 30jährigen Krieges (1618-1648) waren wiederum weite Teile Böhmens und Mährens verwüstet und nahezu menschenleer. Weiters waren zehntausende "Akatholische"  (Evangelische, Reformierte, Brüder usw.) wegen ihrer Religion geflohen bzw. ausgewandert.
In Böhmen waren angeblich von (1618) 2 Millionen Einwohnern (1648) nur mehr 800.000 übrig. Diese
Bevölkerungslücken wurden aus den weniger vom Krieg betroffenen Gebieten wieder aufgefüllt. In Böhmen waren die schwerer passierbaren Grenzgebirge weniger betroffen. Da dort hauptsächlich Deutsche lebten, siedelten sich viele Abwanderer von dort in zuvor tschechischen Landstrichen an. In Mähren war es umgekehrt. Tschechische und slowakische Neusiedler aus den östlichen
Landesteilen wanderten westwärts und machten damit die Deutschen in Brünn, Wischau zu Sprachinselbewohnern. Brünn hatte ja als eine der wenigen Städte Mährens allen schwedischen Angriffen getrotzt, daher kaum Bevölkerungsverluste erlitten und stieg deshalb zur Landeshauptstadt auf.
Auch diese Neubesiedlung war völlig friedlich, wieder setzte sich letztlich die häufiger verwendete Sprache binnen weniger Generationen durch.

 

 

Ein Beispiel dafür, welch große Bedeutung regionale und zeitliche Fakten haben: 

Im Böhmerwald
Ein Beispiel dafür, welch große Bedeutung regionale und zeitliche Fakten haben.
Im Gebiet des südlichen und mittleren Böhmerwaldes wurde 1420 ff auch die tschechisch-böhmische Bevölkerung dort von den Hussitenheeren schwer dezimiert. Das Massaker an den Bewohnern des damals mehrheitlich tschechischen und katholischen, Prachatitz 1420, soll hier als Beispiel dienen.
Erst danach kamen, von den Grundherrn gerufen, viele Oberösterreicher und Bayern ins weitgehend entvölkerte Land und bauten es wieder auf.
Die Sprachgrenze verschob sich dadurch bis an den Nordrand des Böhmerwaldes.

Der Böhmerwald war durch die Jahrhunderte eines der ärmsten Gebiet des westlichen Mitteleuropas und daher prinzipiell als Einwanderungsland eher unattraktiv.
An seinen nördlichen (böhmischen) Abhängen wächst weder Weizen noch Wein, Wälder, Weiden und Wiesen dominieren das Land, der Winter setzt früh ein und dauert lange.
Bedingt durch die mittelalterliche Warmzeit (an der oberösterreichischen Donau und im Zentralraum reifte damals Wein) und eine eher friedliche Zeit war die Bevölkerungszahl südlich der böhmischen Masse bis etwa zum Jahr 1400 kontinuierlich angewachsen. Nun wurde es aber immer kälter und die Landwirtschaft dort konnte immer weniger Menschen ernähren. Viele mußten das Land verlassen und
anderswo ihr Auskommen suchen. Deshalb waren selbst die vergleichsweise rauhen Regionen des Böhmerwaldes attraktive Ansiedlungsregionen dieser Auswanderer. Verstärkt wurde diese Ansiedlungswelle noch durch die Entdeckung neuer Erzvorkommen im Böhmerwald.

Aber die deutschen Siedler trafen dort natürlich Reste der tschechischen Vorbevölkerung an, mit denen sie sich rasch und friedlich vermischten. Deshalb sind auch viele deutsche Ortsnamen der alten Böhmerwaldorte tschechischen Ursprungs (Prachatitz, Höritz, Kaplitz, Gratzen, usw.).
Denn die neuen Siedler übernahmen die Ortsnamen und paßten sie lediglich ihrer Sprache an.

 

Das ist natürlich nur ein kurzer schematischer Überblick.

 

Alle Leser sind herzlich eingeladen, mir Ergänzungen mitzuteilen und mich auf Fehler und Irrtümer meinerseits aufmerksam zu machen.

Günter Ofner
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